Conti-Studie: Transporteure besorgt um Anschluss bei Digitalisierung

Firmen fürchten, bei Digitalisierung den Anschluss zu verlieren, bleiben aber kritisch gegenüber automatisiertem Fahren. Umweltschutz gewinnt an Bedeutung. Zugleich quälen Kostendruck und Fahrermangel.

Umwelt mit Vorfahrt: Bei aller Konkurrenz und Digitalisierungsdruck gewinnt doch der Faktor Ökologie bei den Transporteuren deutlich an Bedeutung. | Foto: Conti
Umwelt mit Vorfahrt: Bei aller Konkurrenz und Digitalisierungsdruck gewinnt doch der Faktor Ökologie bei den Transporteuren deutlich an Bedeutung. | Foto: Conti
Redaktion (allg.)
(erschienen bei LOGISTRA von Johannes Reichel)

Nach der jüngsten Studie des Automobilzulieferers und Technologieunternehmens Continental wächst unter deutschen Transportunternehmen die Sorge, bei der Digitalisierung den Anschluss zu verlieren. Das ist ein zentrales Ergebnis der Studie „Der vernetzte Truck“, die das Sozialforschungsinstitut infas im Auftrag durchgeführt hat. Mit der Studie nimmt der Zulieferer nach 2016 zum zweiten Mal die Trends und Entwicklungen der Transportbranche in den Blick. Befragt wurden deutsche Spediteure, Logistiker und Transportunternehmen zu Themen wie Digitalisierung, Automatisierung, Fahrzeugtechnologien sowie zu den Rahmenbedingungen der Branche. Als weitere wichtige Ergebnisse sieht man, dass der Umweltschutz in der Transportbranche deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Die befragten Logistiker schätzen zudem neue Akteure im Transportgewerbe als weitere zukünftige Herausforderung ein.

Digitalisierung verändert die Branche: Handlungsbedarf

Ein Großteil der befragten Logistiker – und ein nochmals größerer Anteil gegenüber 2016 – gibt an, dass die Digitalisierung die Branche bereits stark verändert habe. Nur ein Teil sieht hier mehr die Chancen, währen bei den Befragten jedoch die Sorge überwiegt, den Anschluss zu verpassen, eine leichte Verstärkung zur Vorgängerstudie.

„Die Transportbranche befindet sich inmitten eines großen Transformationsprozesses. Die Akteure beobachten, dass sich die Digitalisierung in den letzten Jahren weiter beschleunigt hat, und sehen nun Handlungsbedarf, um auch zukünftig gut aufgestellt zu sein“, analysiert Gilles Mabire, Leiter des Geschäftsbereichs Commercial Vehicles and Services (CVS) bei Continental.

Anhaltende Skepsis gegenüber Automatisierung

Unverändert kritisch sehen die Logistiker der Automatisierung im Transportgewerbe. Dass im automatisierten Fahren Chancen für Branche oder Fahrer liegen, sieht nach wie vor nur eine kleine Minderheit. Immherin zeigen sich die Logistiker deutlich zufriedener mit der von ihnen eingesetzten Software, etwa zur Unterstützung von Fahrern, Disponenten und Fuhrparkmanagern. Hier vergeben die Befragten durchweg bessere Noten als noch 2016. Auch die Fahrzeugvernetzung wird speziell für größere Flotten ein immer wichtigeres Zukunftsthema.

„Nutzfahrzeuge sind heute die am stärksten vernetzten Fahrzeuge überhaupt. Logistiker suchen nach Lösungen, um die neuen Technologien bestmöglich für sich zu nutzen“, stellt Mabire fest.

Die Unternehmen schätzen den Effizienzgewinn und dieser unmittelbare Nutzen überwiegt im Vergleich zur entfernten Vision vom autonomen Fahren, so Mabire weiter. An der Einstellung in der Branche werde sich nach seinem Dafürhalten nur wenig ändern, solange automatisiertes Fahren nur als abstraktes Konzept diskutiert werde.

„Erst, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen klarer werden und sich in ersten Projekten in abgeschlossenen Bereichen wie Hafenterminals oder in der Hub-to-Hub Logistik zeigt, dass die Automatisierung den Unternehmen einen ganz konkreten Vorteil bringt, wird das automatisierte Fahren Unterstützer gewinnen“, glaubt Mabire.

Herausfordernd: Neue Wettbewerber am Markt

Im Vergleich zu den Ergebnissen 2016 stehen unverändert prominent für die befragten Logistiker der steigende Kostendruck sowie der Wettbewerb um gut ausgebildete Fahrer auf den ersten beiden Plätzen der künftigen Herausforderungen. Fast unisono erwartet man weitere Verschärfung der Bedingungen. Knapp die Hälfte der Befragten fürchtet sogar, dass neue Akteure die Konkurrenzsituation im Transportgewerbe weiter verstärken. In den Studienergebnissen rechnen die Logistiker den neuen Konkurrenten eine größere Bedeutung zu als dem Schiff- oder Schienenverkehr.

„Große Verlader und Onlinehändler, die zuvor selbst Kunden der Transportunternehmen waren, bauen sich nun eine eigene Logistikinfrastruktur auf. Dadurch gehen den Logistikern nicht nur Bestandskunden verloren, sondern neue Player betreten den Markt“, stellt Mabire fest.

Umweltschutz gewinnt stark an Relevanz

Deutlich wichtiger geworden ist das Thema Umwelt. Im Vergleich zur Vorbefragung 2016 verzeichne der Umweltschutz unter den abgefragten Zukunftsherausforderungen den größten Bedeutungsgewinn.

„Durch die globale Diskussion um Klimaveränderungen ist das Thema auch in der Logistik-Branche nicht mehr wegzudenken. Das Ergebnis reflektiert zudem die ganz konkreten Maßnahmen der Politik wie etwa die EU-Gesetzgebung zur Reduktion der CO2-Emissionen beim Schwerlastverkehr, die sich auf die Branche auswirken", analysiert Mabire.

Die großen Fragen seien, wie stark das Thema zukünftig durch die Politik geregelt werde und wie die Logistiker in Zukunft agieren werden, beispielsweise was Investitionsentscheidungen angeht, so Mabire weiter. Wenn die Investitionsbereitschaft der Verlader beim Thema Umweltschutz nicht steige, müsse die Politik auf Anreize setzen, damit das Transportgewerbe seinen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leiste, fordert der Conti-CV-Chef.

Corona-bedingt: Nur 45 Unternehmen beteiligt

Zwischen Februar und Mai 2020 befragte das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft die erste und zweite Führungsebene von kleinen, mittleren und großen Unternehmen aus der deutschen Logistik- und Transportbranche, darunter Spediteure sowie Logistik- und Transportunternehmen. Bedingt durch die Corona-Krise habe der Studienumfang reduziert werden müssen. Insgesamt nahmen 45 Unternehmen an der Befragung teil, deren Ergebnisse als Trendanzeige gewertet werden könnten, so Conti.

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