E-Fahrer floaten

Mit einem E-Auto 2.500 km quer durch Deutschland. Die NDR-Reporter Susanne Tappe und Nicolas Lieven haben die Probe aufs Exempel gemacht, haben sich einen Opel Ampere E geschnappt und … naja, haben mehr Frust als Lust erlebt. Sie mussten sich u.a. entscheiden, ob sie es lieber warm haben oder mehr Reichweite. Und auch mal ein geplantes Treffen absagen. Für „Unterwegs auf der Autobahn“ haben die Reporter einige ihrer Erlebnisse noch einmal Revue passieren lassen.

E-Fahrer floaten
E-Fahrer floaten
Redaktion (allg.)

Wann, wenn nicht im Jahr des Durchbruchs ein E-Auto auf der Langstrecke testen? Das dachten sich die zwei NDR-Reporter Susanne Tappe und Nicolas Lieven und fuhren einfach los. Ohne allzu große Vorbereitung bzw. ohne den Trip von Nord nach Süd und zurück von Ladesäule zu Ladesäule zu planen. Ihre Erlebnisse packten sie in einen fünfteiligen Podcast. Zu hören unter ndr.de/elektroauto. Für ihren Trip von Hamburg in den tiefen Süden Deutschlands, sprich in den Bayerischen Wald, wählten sie bewusst einen Mittelklassewagen. Im Vordergrund des Deutschland-Trips stand die Frage nach der Massentauglichkeit und Alltagstauglichkeit von E-Autos. Doch die Frage „Ist das E-Auto massentauglich“ lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten.

Den beiden Reportern zufolge kommt es auf die individuelle Situation an. Kann man das Auto zuhause laden? Gibt es eine Ladesäule beim Arbeitgeber? Fährt man hauptsächlich zur Arbeit und zurück im Stadtverkehr? Schwierig werde es, wenn man spontan verreisen will. Nicolas Lieven: „Wenn Sie spontan einen Trip machen wollen – von München an die Nordsee oder vom Norden nach Österreich, dann haben Sie ein Problem. Dann ist ein E-Auto nach meiner Erfahrung noch nicht massentauglich.“ Zu viel müsse man vorab planen, sofern man nicht 80.000 oder 100.000 Euro in die Hand nehmen möchte oder kann. Ein Premium-Modell stand also nicht zur Debatte. Denn nicht viele können sich ein solches leisten. Schon für einen elektrifizierten Mittelklassewagen muss die Normalbürgerin 42.000 Euro hinblättern. Daher wählten sie einen Opel Ampera E; der war allerdings schon zwei Jahre alt. Was sie dabei nicht bedacht hatten: Wie schnell sich die Technik bereits innerhalb von zwei Jahren ändert. „Es war eine krasse Erkenntnis,“ erzählt Susanne Tappe, „dass so ein Auto schon zum ‚alten Eisen‘ gehört.“ Nicolas Lieven: „Dass die Technik nach zwei Jahren so veraltet ist, hätten wir nicht gedacht!“ Aus diesem Grund hält es Lieven auch nicht für sinnvoll, sich ein gebrauchtes E-Auto anzuschaffen.

Er lädt und lädt und lädt…

Tesla-Fans werden sich bestätigt fühlen, wenn sie in den Blog reinhören. Denn das hochpreisige E-Gefährt kommt ziemlich gut weg. Einmal treffen die beiden während des Ladens einen Tesla-Fahrer, der ihn beruflich nutzt und sehr zufrieden ist. Während dieser den 30-minütigen Ladevorgang überbrückt, indem er einen Kaffee trinken geht oder im Auto seine E-Mails checkt, müssen die NDR-Reporter Essen gehen. Oft sind sie gefrustet. Nicht nur darüber, dass der Ladevorgang an sich länger dauert, sondern dass die Bedienung einer Ladesäule gar nicht so einfach ist. Sie stranden, weil die App nicht funktioniert und man zwar die Hotline übers Knöpfchen erreicht, die Callcenter-Mitarbeiter einem dann aber nicht weiterhelfen können. „Man muss einen QR-Code scannen, benötigt eine Kreditkarte oder die richtige App“, erzählt Lieven. „Das Ganze ist ziemlich zeitraubend und nervig“, lautet das Fazit von Tappe. Es liegt also nicht an der fehlenden Infrastruktur, die so oft angemahnt wird, sondern am Zustand der Ladesäulen und der komplizierten Bedienung, die abschreckend wirken. Worüber sich Tesla-Fahrer auch freuen können: Sie profitieren von einer 1A-Infrastruktur.  Tesla hat eigene Ladestationen – übers ganze Land verteilt. Und an diesen Superchargern klappt das Aufladen problemlos und sehr viel schneller als an anderen. „Tesla hat von Anfang an ein Gesamtkonzept auf die Beine gestellt. Das lernen die deutschen Hersteller erst so nach und nach“, findet Tappe. Lieven ergänzt: „Tesla hat es geschafft, seine Ladesäulen an den Autobahn-Raststätten dort zu platzieren, wo es halbwegs attraktiv ist. Dort stehen immer gleich mehrere Säulen nebeneinander und das Laden geht schnell.“

Doch nicht nur der Ladevorgang an sich ist oftmals ein Ärgernis. Auch der Preis der Kilowattstunde ist manchmal ganz schön happig, so die Erfahrung der Zwei von der Ladesäule. Wer sich im Vorfeld nicht mit Karten ausstattet, für den kann es teuer werden. „Für 100 km Reichweite haben wir einmal 18 Euro bezahlt“. Noch immer hört man den Ärger in Tappes Stimme. Dafür hätte sie mit ihrem kleinen Benziner 13 Liter auf 100 km verbrauchen können. Die teuerste Säule stand im Bayerischen Wald – und kostete 94 Cent die Kilowattstunde.

 

Zeit zum Aufladen

Zeit zum Aufladen. Wer sich vor der Fahrt nicht mit Karten eines Anbieters eingedeckt hat oder einen günstigen Vertrag hat, für den kann das Laden teuer werden. An der teuersten Ladesäule mussten die Reporter 18 Euro für 100 km Reichweite bezahlen.

 

Gleichmäßig gleiten über die Autobahn

Jeder weiß, E-Autos sind leiser als Verbrenner, klar. Doch wie fühlt es sich an, elektrisch unterwegs zu sein. Lieven: „Er ist sofort da – das ist toll!“. Was sie aber gelernt haben: E-Autofahrer treten nicht aufs Gaspedal. Sie achten darauf, gleichmäßig zu fahren. Der Reporter kann bestätigen: „Man fängt an, anders zu fahren. Gleichmäßiger, viel vorausschauender.“ Im Fachjargon nennt man diese Fahrweise „Floaten“. Wer genaueres darüber wissen will: Reinhören in Podcast-Folge Nr. 4.
Plug-in-Hybrid – die Alternative zum reinen E-Auto?

Das Thema Hybrid kommt in den fünf Blogs nicht vor. Ich frage die Podcaster, warum nicht. Und würde der Hybrid nicht zumindest das Problem der Reichweite lösen? Bei der Antwort wird klar, dass dieses Thema wohl ein heißes Eisen ist bzw. die Reporter dazu eine klare Meinung vertreten. „Den Plug-in-Hybrid finde ich ökologisch gesehen mehr als fragwürdig“, antwortet Tappe und ergänzt: „In der Realität fährt man viel öfter mit Verbrenner als elektrisch.“ Außerdem treibe das Gewicht den Spritverbrauch nach oben: „Neben dem Verbrenner-Motor und Tank haben Sie einen Akku und den E-Motor an Bord.“ Lieven stimmt zu: „Für die Hersteller ist der Hybrid gut, auch weil sie damit die CO2-Ziele ihrer Flotte verbessern und vom Staat gefördert werden. Wenn die Plug-in-Hybride getestet werden, hat man immer einen großen Anteil E-Strecke. Im Test beläuft sich der Spritverbrauch auf 1,5 bis 2,5 Liter. Tatsächlich verbraucht er aber je nach Modell bis zu zehn Liter. Wie andere Benziner.“ Sein Fazit: „Aus meiner Sicht sind Plug-in-Hybride nur auf dem Papier total klasse.“

Gefordert: der schlaue Mix

2020 wird als Jahr des Durchbruchs für die Elektromobilität postuliert. Ob das stimmt? Die kritischen Stimmen reißen jedenfalls nicht ab, die der deutschen Autoindustrie vorwerfen, die Elektromobilität verschlafen zu haben. Lieven bezweifelt, dass deutsche Autobauer den Vorsprung von Tesla aufholen können und beim Thema Elektromobilität wieder die Marktführerschaft übernehmen. Was stimmt: Die Entwicklung der Elektromobilität geht eher langsam vonstatten. Besonders wenn man die Situation in Deutschland betrachtet. Fazit für die elektro-affinen Reporter, die auf ihrer Reise Nerds, Skeptiker und Enthusiasten getroffen haben: Es gibt Menschen, die treiben das Thema „Elektromobilität“ voran. Und es gibt andere, die stehen dem Thema sehr skeptisch gegenüber. Einig sind sich die Reporter darüber, dass es völlig unsinnig wäre, ein Auto, das noch funktioniert, zu verschrotten.

Der Umstieg aufs E-Auto allein ist sicher nicht die Lösung zur Rettung des Klimas. Die Mobilität der Zukunft muss einfach anders aussehen – darüber sind sich wohl alle einig. Der Autoverkehr an sich muss reduziert werden. „Schlaue Share-Konzepte müssen her“, so Tappe. Wie dieser clevere Mix aussehen kann? Darüber gibt es inzwischen einige Studien, die natürlich immer auch mit einer gewissen Intention erstellt werden, gibt Tappe zu bedenken.

E-Auto ja oder nein?

Schlussfrage an die Reporter: Ist Ihr nächstes Fahrzeug ein E-Auto? Auch wenn Nicolas Lieven das Gefühl, mit einem Porsche Taycan zu fahren, genießen würde – einen Betrag von 160.000 Euro würde der Reporter nicht für ein Fahrzeug ausgeben, auch wenn er Millionär wäre. Keiner von beiden würde sich ein E-Auto kaufen. Die Gründe dafür liegen in der persönlichen und beruflichen Situation. Tappe wohnt im Zentrum von Hamburg. Sollte ihr Fiesta seinen Geist aufgeben, würde sie gut mit dem Fahrrad und den Öffentlichen zurechtkommen. Lieven hat einen täglichen Arbeitsweg von insgesamt 90 km hin und zurück. Als er das einer Verkäuferin im Autohaus erzählt, rät sie ihm: „Lassen Sie es.“

Heißt im Umkehrschluss: Wer kurze Strecken fährt, eher selten spontan an den Gardasee oder die Nordsee fahren will, im Umfeld über ein Netz aus Ladestationen verfügt, daheim in der Garage aufladen kann, und das Gefühl haben möchte, der Umwelt etwas Gutes zu tun, sowie über das nötige Extrageld verfügt, dem sei guten Gewissens ein E-Auto empfohlen.

Alle, die einen Erbonkel haben, oder locker 100.000 Euro locker machen können, sind potenzielle Käufer eines Porsche Taycan, eines Tesla oder eines Premium-E-Fahrzeugs von BMW oder Audi. Damit lässt es sich fröhlich und entspannt über die Autobahn floaten. Wer jetzt Lust bekommen hat, den 2.500-Kilometer-Trip nachzuerleben, wer sich für die Akkuproduktion bei VW interessiert, warum im Erzgebirge Lithium abgebaut wird, oder neugierig auf die Meinung von Befürwortern und Gegnern des Tesla-Geländes in Grünheide ist, dem seien alle fünf Folgen des NDR-Podcasts empfohlen: ndr.de/elektroauto

Viel Spaß beim Reinhören!

Fotos: NDR/Jürgen Webermann/Susanne Tappe/Nicolas Lieven

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