Neue S-Klasse im Check: Bald autonom auf der Autobahn?

Antriebsinnovationen sucht man in der S-Klasse vergebens. Immerhin werden konventionelle Motoren von einem 48-Volt-Netz unterstützt. Und 2021 kommt ein Plug-in-Hybrid mit bis zu 100 km Reichweite. Ihr Heil sucht das Flaggschiff in wohl letzter Auflage auf anderen Feldern und klotzt mit Digitalfeatures und Fahrerassistenz. Doch im Vergleich zum EQS sieht es alt aus.

Den Designern ist einmal mehr ein dezent-nobles Blechkleid geglückt, das zudem mit Cw-Wert 0,22 sehr aerodynamisch sein soll. | Foto: Daimler
Den Designern ist einmal mehr ein dezent-nobles Blechkleid geglückt, das zudem mit Cw-Wert 0,22 sehr aerodynamisch sein soll. | Foto: Daimler
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Es ist schon auffällig: Mercedes-Benz launcht die neue S-Klasse - und von allem ist die Rede, aber kaum vom Antrieb. Was früher Seiten in der Pressemitteilung gefüllt und im Mittelpunkt des Geschehens gestanden hätte, rückt jetzt in den Hintergrund und wird eher "ferner liefen" erwähnt. Stattdessen drängelt sich die Software, die "User Experience", die Bedienug, Services und die Fahrerassistenz nach vorn. Klar, zu konventionell kommt das Antriebspackage daher, zudem vieles vom Vorgänger bekannt. Einen echten Quantensprung wird es hier erst mit dem Nachfolger, dem vollelektrisch angetriebenen EQS geben. Dennoch dürfte die S-Klasse für ihr "Kaliber" ein sparsames konventionelles Fahrzeug sein. Die Benziner (367/435 PS, 55/520 Nm) sollen im WLTP mit 7,8 bis 9,5 l/100 km klarkommen, die Diesel (286/330 PS; 600/700 Nm) mit 6,4 bis 8,0 l/100 km, letzteres für die Allrad-Versionen, beim Benziner Standard.

Schon im Vorgänger "milde" Elektrifizierung mit 48 Volt-ISG

Basis dafür sind die Reihensechszylinder als Otto und Diesel in verschiedenen Leistungs­stufen verfügbar, weniger wohl der V8-Motor mit integriertem Starter-Generator (ISG) und 48-Volt-Bordnetz, der nachgeschoben wird. Erst 2021 folgt dann ein Plug-in-Hybrid, für den der Hersteller immerhin eine rein elektrische Reichweite von für einen PHEV üppigen 100 km avisiert. Mit der Einführung des integrierten Starter-Generators (ISG) in der S-Klasse mit dem Reihensechszylinder M 256 hatte ja schon im Jahr 2017 das 48-Volt-Bordnetz Weltpremiere gefeiert. Der Startergenerator übernimmt Funktionen wie Boost oder Rekuperieren und ermöglicht Verbrauchseinsparungen, die vorher der Hochvolt-Hybridtechnologie vorbehalten waren. Über den sogenannten EQ Boost stehen kurzfristig weitere 250 Nm Drehmoment sowie 16 kW/22 PS Leistung zur Verfügung. Doch das war's dann auch vorerst mit Antriebsinnovationen, die überschaubar ausfallen. Eher trägt noch die ausgefeilte Aerodynamik mit einem "flunderbaren" Cw-Wert von 0,22 dazu bei, dass der Verbrauch nicht weiter ausufert.

Ihr Heil sucht die S-Klasse, die 2019 immerhin 71.100 Käufer fand und die vor allem in China beliebt ist, auf anderen Feldern. Und will von Mitte 2021 auch das erste Fahrzeug überhaupt sein, das auf Autobahnen bis 60 km/h vollautonom fahren kann. Welchen Sinn das auch immer auf einer Autobahn ergeben mag.

Die zehn wichtigsten Innovationen aus Daimler Sicht:

In der neuen S-Klasse geht die zweite Generation von MBUX (Mercedes-Benz User Experience) an den Start. Wieder ein Meilenstein als Schnittstelle zwischen Fahrer, Passagieren und Fahrzeug: Bis zu fünf Bildschirme, zum Teil mit OLED-Technologie, sind an Bord. Das neue 3D-Fahrer-Display ermöglicht auf Knopfdruck erstmals eine räumliche Szenenwahrnehmung mit echter Tiefenwirkung durch Eye-Tracking. Beeindruckend ist ebenso das sehr große Head-up-Display mit Augmented-Reality-Inhalten. Bei der Navigation werden z.B. animierte Abbiegepfeile virtuell und passgenau über die Fahrbahn gelegt.

Mithilfe von Kameras in der Dachbedieneinheit und lernenden Algorithmen erkennt der MBUX Interieur-Assistent zahlreiche unterschiedliche Bedienwünsche. Dabei interpretiert er Kopfrichtung, Handbewegungen und Körpersprache und reagiert mit entsprechenden Fahrzeugfunktionen. Wenn der Fahrer beispielsweise über die Schulter nach hinten in Richtung Heckscheibe blickt, öffnet der MBUX Interieur-Assistent das Sonnenrollo vor der Heckscheibe automatisch. 

Die Aktive Ambientebeleuchtung mit rund 250 LED ist in die Fahrassistenzsysteme eingebunden und kann deren Warnungen optisch unterstützen. Darüber hinaus ist eine Rückmeldung bei der Bedienung der Klimatisierung oder des Sprachassistenten „Hey Mercedes“ möglich.

Die neueste Generation des serienmäßigen Fahrassistenz-Pakets enthält neue und zahlreiche weiterentwickelte Funktionen. Ein Beispiel ist die intelligente Anpassung an Tempolimits. Die neue Assistenzanzeige im Fahrer-Display stellt die Funktionsweise der Fahrassistenzsysteme verständlich und transparent in einer Vollbild-Ansicht dar.

Der Fondairbag (Sonderausstattung für die S-Klasse mit langem Radstand) kann bei schweren Frontalkollisionen die Belastungswerte auf Kopf und Nacken für die angeschnallten Insassen auf den äußeren Rücksitzplätzen deutlich reduzieren. Der Frontalairbag für den Rücksitz entfaltet sich aufgrund seiner neuartigen Bauart mit einer röhrenartigen Struktur besonders schonend.

Dank Hinterachslenkung (Sonderausstattung) fühlt sich die S-Klasse in der Stadt so handlich an wie ein Kompaktwagen. Der Lenkwinkel an der Hinterachse beträgt bis zu zehn Grad. Der Wendekreis der S-Klasse verringert sich mit Hinterachslenkung um bis zu zwei Meter.

Über 50 Elektronik-Komponenten der neuen S-Klasse können over-the-air (OTA) mit neuer Software aktualisiert werden. Darunter sind das komplette MBUX Infotainmentsystem, das Fahrer-Display, die Fahrassistenzsysteme sowie die Lichtsysteme MULTIBEAM LED und DIGITAL LIGHT. Durch diese Technologie spart der Kunde Zeit, da er nicht extra in die Werkstatt fahren muss. Des Weiteren bleibt sein Fahrzeug während der gesamten Lebensdauer auf dem neuesten Stand und ist gerüstet für neue Features. Voraussetzung für OTA-Updates ist immer die explizite Zustimmung des Nutzers.

Bei einem drohenden seitlichen Aufprall eines anderen Fahrzeugs kann die Karosserie durch das E-ACTIVE BODY CONTROL Fahrwerk (Sonderausstattung) innerhalb weniger Zehntelsekunden angehoben werden. Das ist eine neue Funktion von PRE-SAFE Impuls Seite. Die Belastung der Insassen kann dadurch verringert werden, weil der Stoß so auf besonders widerstandsfähige Strukturen im unteren Teil des Fahrzeugs gelenkt wird.

Voraussichtlich ab dem zweiten Halbjahr 2021 wird die S-Klasse mit dem neuen DRIVE PILOT (Sonderausstattung) bei hohem Verkehrsaufkommen oder Stausituationen auf geeigneten Autobahnabschnitten in Deutschland hochautomatisiert fahren können. Das entlastet den Fahrer und ermöglicht ihm Nebentätigkeiten wie im Internet surfen oder im In-Car-Office E-Mails bearbeiten und schenkt dem Fahrer dadurch Zeit.

Die revolutionäre Scheinwerfertechnologie DIGITAL LIGHT (Sonderausstattung) ermöglicht ganz neue Funktionen, etwa die Projektion von Hilfsmarkierungen oder Warnsymbolen auf die Fahrbahn. DIGITAL LIGHT besitzt in jedem Scheinwerfer ein Lichtmodul mit drei extrem lichtstarken LED, deren Licht mit Hilfe von 1,3 Millionen Mikrospiegeln gebrochen und gerichtet wird. Pro Fahrzeug beträgt die Auflösung also über 2,6 Millionen Pixel.

Was bedeutet das?

Letzte Ölung - im wahrsten Sinne - für eine Legende: Während im Hintergrund die Transformation auf Hochtouren läuft und in der digitalisierten Fertigung in Sindelfingen schon ihre Schatten vorauswirft, muss im Vordergrund die nochmal neu aufgelegt S-Klasse das margenstarke Tagesgeschäft besorgen und die Betuchten dieser Welt mit einem zweifellos hochwertigen fahrbaren Untersatz versorgen, der in Sachen Digitales und Fahrassistenz keine Wünsche offen lässt und vielfach den Maßstab setzt. Beim Antrieb allerdings ist das Sternen-Flaggschiff längst nicht mehr das Maß der Dinge.

Wenn man es mit Vollstromern wie einem Tesla S vergleicht, sieht das Auto, das synonym steht für die mobile Oberklasse, fast schon alt aus und der "S" aus der neuen Antriebswelt schlägt den "S" um Längen. Wenn erst Nobel-Stromer wie von Lucid oder Pininfarina angekündigt, auf den Markt kommen, dürfte es noch schwerer werden für den einstigen Technologie-Pionier. Aber dann kann Daimler ja vielleicht schon kontern: Mit dem EQS und seiner Interpretation von "sustainable Luxury" (Källenius). Gäbe es ihn heute schon, die Neuauflage der S-Klasse wäre obsolet. Die Studie von der IAA 2019 führt so auf schmerzhafte Art und Weise vor Augen, wo Daimler eigentlich bereits stehen könnte, wenn nicht müsste, um wirklich wieder den Maßstab zu setzen.

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