„Nürburgring ist anders und speziell, Nürburgring ist Mythos“

Azubis um Georg Glöckler machen ihr Meisterstück. Am Donnerstag rieben sich Fahrer und Fans des Truck-Rennsports verwundert die Augen. Ist er’s oder nicht. Mr. Truck-Race, Gerd Körber, zwängte sich in das Cockpit des IVECO. Fast genau vor einem Jahr, ebenfalls beim Heim-Grand-Prix, war bekanntlich Schluss mit einer langen und erfolgreichen Motor­sportkarriere.

Gerd Körber therapiert erfolgreich Nürburgring-Sucht. Foto: Bickel-Tuning.
Gerd Körber therapiert erfolgreich Nürburgring-Sucht. Foto: Bickel-Tuning.
Bert Brandenburg

Bereits der erste Bundeskanzler Deutschlands, Konrad Adenauer, kippte Entschei­dungen mit dem Satz „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Gerd Körber stellte aber klar: „Das mit dem Rückzug aus dem Motorsport steht weiterhin. Ich fahre nur auf dem Nürburgring. Schorsch (Georg Glöckler) hat mich nochmals rumgekriegt. Dass ich sein Projekt „Azubis bauen einen Race-Truck“ absolut unterstütze, war nur noch reine Formsache. Eine richtig tolle Sache.“

Azubis um ihren Ausbilder Georg Glöckler bauten seinerzeit den ersten Race-Truck von IVECO in Ulm auf. Alles wurde in der Freizeit erledigt. Am Anfang wurde das „Lehrlings-Team“ auf den Rennstrecken belächelt. Doch mit jedem Rennen und mit jeder Runde lernten die „Schwabentrucker“ dazu. Die Ergebnisse in der EM wurden immer besser und es sprangen die ersten Podestplätze heraus. Heute ist im Truck-Race auch alles hochprofessionell geworden. Benötigte man also einen Fahrer, der nicht um die EM mitfährt. Steffi Halm, die Stammfahrerin und Nachfolgerin im Team Schwabentruck lag bis zum Nürburgring auf dem zweiten Platz. Hier konnte und wollte man nichts riskieren. Da wählte Glöckler die Nummer von Körber und der sagte ohne zu zögern zu.

Im Zeittraining zum ersten Rennen belegte Körber Platz 10. Dabei profitierte er von Reinert und Lacko, die sich verzockt hatten. Beide steuerten nach der Hälfte des Zeittrainings die Boxengasse an, während zum Ende hin die Zeiten purzelten. „Ich bin hoch zufrieden. Im Feld mit 25 Race-Trucks Platz 10 her­auszufahren zeigt, dass alle im Team hochmotiviert sind. Schließlich bin ich ein ganzes Jahr nicht mehr Rennen gefahren. Die ersten Meter habe ich tatsächlich am Donnerstag bei den Pressefahrten zurückgelegt. Und eines darf man auch nicht vergessen, der Renntruck ist stolze neun Jahre alt!“

Samstag:

Rennen 1: Am Start steuerten 25 Race-Trucks auf die erste Kurve zu. Körber steckte mittendrin. „Ich wollte Plätze gutmachen, aber egal, wo ich hinfuhr, da war schon einer. Ich musste die Strategie ändern und ab der Michael-Schumacher-Kurve angreifen. Die ersten Lücken gingen auf und es ging vor bis auf Platz 5, allerdings hatte er mit Adam Lacko einen hartnäckigen Verfolger. Körber konnte machen, was er wollte, Lacko’s Truck schien an der Stoßstange des IVECO festzuhängen. Mit seiner großen Erfahrung wehrte er alle Angriffe ab und brachte den fünften Platz ins Ziel und damit großen Jubel ins Team Schwabentruck. Ein Wermutstropfen blieb: Teamkollegin Steffi Halm musste ihren Truck nach einem Crash sehr früh abstellen.

Rennen 2: Das zweite Rennen des Tages sah Körber auf Platz 4. Das Feld startete gut und auf die erste Kurve ging es zu fünft. Vorn Anthony Janiec und Jose Rodrigues, dahinter zu dritt nebeneinander Sascha Lenz, Adam Lacko und Gerd Körber. „Die beiden vor mir sind sich in die Kiste gefahren, da wurde es mal kurz heikel“, aber alle kamen mit einigen Blessuren durch. Körber schob sich im Tumult auf Platz 3. Dass er ein Jahr lang kein Renn-Lenkrad mehr in der Hand hatte, war ihm zu keiner Zeit anzumerken. Er kämpfte, verteidigte und setzte unter Druck, wie in den guten alten Zeiten. Für den neun Jahre alten IVECO wurde es dann doch zu viel und das Getriebe machte in Teilen schlapp. Es standen nicht mehr alle Gänge zur Verfügung. Lenz und Hahn konnte er nicht mehr halten und musste sie ziehen lassen. Am Ende kam auch Steffi Halm ohne große Probleme vorbei. „Steffi habe ich durchgelassen. Sie kämpft um die Meisterschaft und hat im ersten Lauf Punkte liegen lassen müssen.“ Körber sah die Ziellinie als Siebter. Antonio Albacete erhielt nachträglich eine Zeitstrafe und damit rückte Körber auf Platz 6.

Sonntag:

Rennen 3: Mit neuem, gebrauchtem Getriebe ging es ins Zeittraining zu Rennen 3. Mit dem Gebrauchtwagen ging es auf Platz 8. „Das läuft ja immer besser. Schorsch hatte gestern bereits Tränen der Freude in den Augen. Wenn ich denke, wie schwer ich mich in den letzten Jahren im Zeittraining getan habe. Und jetzt, ohne Training, läuft’s wie geschmiert.“ Rennen 3 hatte einen kurzen Schreckmoment für Körber. Das Feld hielt wieder auf die erste Kurve zu. Alle Fahrer standen auf der Bremse und man sah nichts mehr. Die Trucks verschwanden in den Wolken des aufsteigenden Rauchs aus den Bremsen. „Ich sah im Mittelfeld plötzlich nichts mehr und habe blind eingelenkt. Die erste Kurve fällt ja stark nach rechts ab. Dann hatte ich freie Sicht und freie Bahn.“ Platz 6 war erobert und wurde bis ins Ziel verteidigt. Am Ende hab es wieder ein lachendes und ein weinendes Auge. Steffi Halm bekam wegen Overspeed eine Durchfahrt-Strafe und fiel aussichtslos zurück. Körber rückte wieder kampflos einen Platz vor.

Rennen 4: Das letzte Rennen des Tages war für Gerd Körber wieder Dramatik pur. Nach der ersten Kurve vertei­digte er Platz 4, aber an seiner Stoßstange klebte Rodrigues. Der Portugiese machte enorm Druck und zeigte sich formatfüllend in beiden Rückspiegeln. Körber musste auf der Start-Ziel-Linie Kampflinie fahren. „Jose war so anhänglich, das kenne ich eigentlich nur von meiner Tochter“, meinte Körber nach dem Rennen.Dann fand der Portugiese eine Lücke und zog vorbei, aber Körber war nicht zum Spaß am Ring und holte sich seinen vierten Platz wieder zurück. Zwei Runden vor Schluss musste sich Körber doch beugen und beendete das Rennen als 5. Aber einmal mehr stand Fortuna an seiner Seite. Rodrigues bekam wegen Verlassens der Strecke und Vorteilnahme eine Zeitstrafe. Damit gab es zum Schluss Platz 4. 

Viermal in den Punkten, mehr konnte man nicht erwarten. Mit 28 Punkten rangiert Körber derzeit auf dem 10. Platz in der EM. Dabei handelt es sich um ein Augenblicksresultat. Denn der Helm kommt wieder an den angestammten Nagel. Nach dem gelungenen Meisterstück der „Glöckler-Azubis“ war Gerd Körber natürlich voller Euphorie. „Das ganze Wochenende war der totale Wahnsinn. Damit hätte ich nie gerechnet. Das Ganze hätte auch schiefgehen können und ich wäre als der Ring-Kasper dage­standen. Als ich mich entschieden hatte am Ring zu fahren, wollte ich die Rennen auch ernst nehmen. Aus Jux und Tollerei fährt man nicht Truck-Race. Auf der anderen Seite wollte ich auch nicht in die Meisterschaft eingreifen und womöglich einen Titelaspiranten rauskegeln. Ich widme die erfolgreichen Rennen dem Team um Schorsch Glöckler und seinen Jungs. Und auch meinen Eltern, Frau Neema und Tochter Serafina die diesmal leider nicht dabei sein konnten. Das war schon komisch für mich, sie nicht um mich herum zu haben. Seit den ersten Runden im Kart haben mich meine Eltern begleitet. Und das ist schon über 40 Jahre her. Halt haben mir aber an diesem verrückten Wochenende meine Mechaniker gegeben, die mir wirklich das Vertrauen und die nötige Motivation übermittelt haben.

 War das nun das letzte Mal, dass Gerd Körber im Rennoverall zu sehen war. Ist jetzt Schluss? „Auf­hören? Kann man nie sagen. Frag mal die Rolling Stones, wann sie aufhören. Die machen auch Jahr für Jahr ihre endgültige Abschiedstournee und das Jahr drauf sind sie wieder da. Nur eines weiß ich sicher. Wie Mick Jagger werde ich mit 75 nicht mehr auf der Rennbühne unterwegs sein. Rennen fahren ist wie Radfahren; man verlernt es nicht, man wird im Alter nur langsamer. Aber ob es das war? Wer weiß? Never say never“  Denn………

„Nürburgring ist anders und speziell, Nürburgring ist Mythos“

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